Interview Uwe Buermann

Mediensucht – Medienerziehung,
zwischen Virtualität und Realität

Elektronisch erzeugte Bilder und Klänge überschwemmen unser alltägliches Leben. Medien wie Fernsehen und Computer, Internet, iPod und Handy faszinieren. Und wo Erwachsene sich nur schwer entziehen können, haben es Kinder und Jugendliche erst recht schwer. Uwe Buermann, Kiel/Hamburg, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei IPSUM (Institut für Pädagogik, Sinnes- und Medienökologie), Autor und Medien Pädagoge gastiert nächste Woche in Wil.

Wie lernt man kompetent mit modernen Medien umzugehen?
In dem man sich diese Frage überhaupt erst einmal stellt.

Gibt es Unterschiede im Verhalten von Mädchen und Buben?
Weniger im Verhalten, als vielmehr in der Mittel. Jungs lieben Computerspiele, Mädchen jetten vielmehr oder schauen TV-Sendungen.

Süchtig machen sie alle?
So ist es. Umso wichtiger also, dass man sich Fragen stellt Wo steht ein Gerät, in welchem Alter ist was angebracht, wie kann man Regelungen finden, welchen Ausgleich braucht es.

Wann läuft bei einem Kind die Entwicklung falsch?
Da drin versteckt sich die Frage, wann wird Medienkonsum zur Sucht.

Stimmt.
Massgebend ist, wie man im Alltag mit den Medien umgeht und den Präventionsgedanken nicht vergisst: Das ist auch eine Frage der persönlichen Positionierung?

Also, wen dem Kind sein Game von vornherein verbietet, handelt präventiv?
Nein, wer es schafft einen strukturierten Umgang herbeizuführen.

Ein konkretes Beispiel?
Das Problem der Internetnutzung besteht nicht nur bei Kinder und Jugendlichen, sondern auch bei Erwachsenen. Sie sitzen am PC, jetten und unterhalten sich mit Freunden, veröffentlichen Bilder und wähnen sich in einem privaten Rahmen. Sie denken nicht daran, dass sie sich durch die Nutzung dieser Angebotes öffentlich machen und Menschen, denen sie solches vielleicht nie zeigen würden, sehr viel preis geben. Ich denke da insbesondere auch an Mädchen.

Wie kann ich mein Kind schützen?
Allein der Standort des Gerätes kann sehr viel bewirken. Platzieren wir den PC im Kinderzimmer, fühlt sich allein und ist niemandem verpflichtet. Steht der PC im Wohnraum, im Flur oder einem anderen für alle öffentlich zugänglichen Raum, und zwar mit dem Bildschirm zum Raum, übt allein der Standort eine Kontrolle aus. Es ist utopisch, dass Eltern ständig auf ihre Kinder aufpassen. Gelangt ein Kind auf eine Pornoseite klickte es nach kurzer Zeit automatisch weiter, wenn es damit rechnen muss, dass es dabei ertappt wird.

Der Standort des PC’s ist also eine Hilfestellung.
Auf alle Fälle.

Wer soll in welchem Alter welche Medien und für wie lange nutzen?
Dazu gibt es keine Tabellen, das ist individuell, wie die Familiensituation auch. Grundsätzlich gilt, Medien frönen unsere Bequemlichkeit. Es ist einfacher ein Film anzuschauen, als ein Buch zu lesen, es ist einfacher zu telefonieren als direkt ein Gespräch zu führen. Ist ein Kind vom Typhus er eher pflegmatisch und neigt ohnehin dazu den einfacheren Weg zu gehen, ist es zur Sucht deutlich gefährdeter, und es ist angezeigt mit diesem Kind auch während der Pubertät mit Sanktionen und klaren Regelungen zu arbeiten. Ein Kind mit sanguinisch-aktivem Typenmuster mag bei Schlechtwetter vielleicht mal sechs Stunden vor dem Bildschirm sitzen, ist es draussen aber wieder sonnig, wird es automatisch wieder ins Freie gehen und draussen spielen. Hier ist kaum mit einer Suchtproblematik zu rechnen.

Fernsehen ist nicht gleich Fernsehen.
So ist es. Es ist äusserst lehrreich, wenn man hinter die Fassade der Anbieter, aber auch der Konsumenten schaut. Wo steckt der Reiz gewisser Angebote. Was suchen Jugendliche in den Medien? Was wird echt befriedigt und was hat mit Scheinbefriedigung zu tun?

Nutzen Sie Medien?
Selbstverständlich. Ich bin selber mit Medien gross geworden und hatte mit 14 meine ersten PC.

Ist es so, dass früher übermässiger Medienkonsum bei Kinder eine Leistungsstörung oder eine Entwicklungsstörung zur Folge hat.
Ja, dieses Faktum ist längst wissenschaftlich erhärtet. Wenn die Medien Ergänzung sind, dann stellen sie eine Erweiterung des Horizonts dar. Wann immer ein Medium zum Ersatz wird, hat es eine Deformierung zur Folge. Medien sind immer eine Beschränkung. Kinder, die eine Geschichte vorgelesen bekommen, nehmen diese intensiver wahr, durch das Spüren und Erleben der Stimme, der Fantasie und der menschlichen Intuition. De Hauptfrage ist daher, wie können wir eine gesunde Medienkompetenz erreichen und in welchem Alter wird welche Kompetenz entwickelt. Wir wollen die Medien nicht verteufeln oder gar abschaffen, aber die Haltung Ende der 90-er Jahren, dass wer sein Kind, nicht mit drei Jahren bereits an den PC setzt, dessen Zukunft verbaut, ist längst überholt. Ein 10-jähriger ist mit der Fülle des Angebotes im Internet überfordert, er braucht Begleitung und Schutz. Dazu gehört für Eltern und Lehrer, dass man auch mal Nein sagen kann.

Interview von Lotty Wohlwend